Ackerdrusch – eine neue Technik der Wiederansiedlung seltener Pflanzenarten der Agrarlandschaft?
Alina Twerski weist den Mähdrescher ein.

Projektangebot Lehrstuhl Renaturierungsökologie TUM 

Motivation des Vorhabens

Wegen der Intensivierung der Landnutzung ist die Biodiversität in den meisten Agrarlandschaften Europas stark rückläufig (Tscharntke et al. 2005). Ackerwildpflanzen, die als Primärproduzenten entscheidend zur biologischen Vielfalt beitragen, sind davon besonders betroffen. Dies beeinträchtigt wichtige ökologische Funktionen: So nehmen insekten- bestäubte Sippen besonders stark ab, was die Erträge vieler Kulturpflanzen durch ausbleibende Bestäuber beeinträchtigt (Bretagnolle & Guba 2015). In Deutschland stehen inzwischen >40 % der typischen Ackerwildpflanzen auf der Roten Liste (Metzing et al. 2018). Zur Lösung dieser Herausforderungen an den Artenschutz wurden bereits verschiedenste Maßnahmen entwickelt und umgesetzt (vgl. Albrecht et al. 2016). Durch den großflächigen Verlust früherer Vorkommen, ist die Wiederansiedlung seltener und bedrohter Arten auf artenarmen, aber extensiv bewirtschafteten Standorten ein wichtiges Element des Ackerwildkrautschutzes geworden (Lang et al. 2016a, b, 2018). Diese Methode birgt den Vorteil, dass bei den gesäten Arten gezielt selektiert werden kann; die Umsetzung ist jedoch zeit- und kostenintensiv. So müssen passende Spenderpopulationen in den Naturraumuntereinheiten gefunden, das Saatgut per Hand gesammelt, gereinigt und vermehrt werden. Anschließend wird das Saatgut abgewogen, mit Sojaschrot vermengt und per Hand ausgesät. Diese aufwändige Technik könnte durch ein maschinelles Reinigen von Ausputzgetreide, welches bei der regulären Getreideernte als Abfallprodukt anfällt, wirtschaftlicher gestaltet werden. Ähnlich der häufig angewanden Methode zur Artenanreicherung von Grünland durch Wiesendrusch, wären beim bisher nicht untersuchten Ackerdrusch der Dreschzeitpunkt und die Dreschhöhe wichtige Kriterien zur Entwicklung einer effizienten Saatgutgewinnung von seltenen Ackerwildkräutern. 

Geplantes Vorhaben

Im Rahmen verschiedener Projekte auf den Ackerflächen der ökologisch wirtschaftenden Seidlhof-Stiftung in Gräfelfing bei München, wurden bereits zehn seltenen Ackerwildkräuter erfolgreich angesiedelt. Auf einem artenreichen Acker der Stiftung sollen im Juli dieses Jahres zunächst Vegetationsaufnahmen durchgeführt und anschließend das Getreide gedroschen werden. Dabei werden verschiedene Dreschhöhen (<20 cm und <50 cm) und zwei Dreschzeitpunkte miteinander kombiniert. Daraus lassen sich konkrete Aussagen über artspezifische Anforderungen an wirksame Methoden zur Saatgutgewinnung treffen. Anschließend werden bei einem regionalen Saatgutvermehrer verschiedenste Techniken getestet, um sogenannte Problemunkräuter, also ertragsmindernde Arten, herauszufiltern. Diese schwierige Aufgabe erfordert nicht nur besondere Sieb-Techniken, sondern auch viel Erfahrung in der Saatgutreinigung. Nach der Gewinnung von Saatgut, das weitgehend frei von Problemarten ist und neben einigen konkurrenzschwachen Sippen insbesondere auch seltenen Arten enthält, soll die Effekte einer Ausbringung auf einem Praxisbetrieb in der Münchner Schotterebene im Oktober 2020 getestet werden. Im Sommer 2021 werden die Etablierungserfolge dieser Ausbringung und auch die Übertragung von (unerwünschten) Begleitarten untersucht und (u.a. mit Hilfe einer studentischen Arbeit) ausgewertet.

Ziel des Projektes ist es, auf ackerbaulichen Grenzertragsstandorten kosten- und arbeitsgünstig seltene Ackerwildkräuter mit Hilfe dieser neuen Technik effizient und effektiv anzusiedeln. Damit kann der Schutz gefährdeter Ackerwildkräuter mit der Erhöhung von Biodiversität in der Agrarlandschaft kombiniert werden. 

Antragsteller und Kooperationspartner  

  • PD Dr. Harald Albrecht, Ackerwildkrautexperte, Lehrstuhl für Renaturierungsökologie, TUM
  • Prof. Dr. Johannes Kollmann, Projektleitung, Lehrstuhl für Renaturierungsökologie
  • Dipl. Ing. FH Johann Krimmer, Kooperationspartner, Vermehrer vom autochthonen Saatgut
  • M.Sc. Marion Lang, Bayerische KulturLandStiftung & Doktorandin, Lehrstuhl für Renaturierungsökologie
  • M.Sc. Alina Twerski, Bearbeiterin des Projekts, Doktorandin Lehrstuhl für Renaturierungsökologie
  • Dr. Klaus Wiesinger, Kooperationspartner, Geschäftsführer der Seidlhof-Stiftung

Gesamtsumme 19.930 € 

Albrecht, H., Cambecedes, J., Lang, M. & Wagner, M. (2016) Management options for the conservation of rare arable plants in Europe. Acta Botanica Gallica, 163, 389–415. Bretagnolle, V. & Gaba, S. (2015) Weeds for bees? A review. Agronomy for Sustainable Development, 35, 891–909. Metzing, D., Garve, E. & Matzke-Hajek, G. (2018) Rote Liste und Gesamtartenliste der Farn- und Blütenpflanzen (Trachaeophyta) Deutschlands. Bundesamt für Naturschutz, Bonn-Bad Godesberg.
Lang, M., Albrecht, H., Fink, S., Gärtner, A., Hotze, C., Kollmann, J., Prestele, J., van Elsen, T. & Wiesinger, K. (2016a) Naturschutzleistungen des Ökologischen Landbaus: Wiederansiedlung seltener und gefährdeter Ackerwildpflanzen naturräumlicher Herkünfte auf Ökobetrieben. Abschlussbericht BÖLN. URL: http://orgprints.org/29843/
Lang, M., Prestele, J., Fischer, C., Kollmann, J. & Albrecht, H. (2016b) Reintroduction of rare arable plants by seed transfer. What are the optimal sowing rates? Ecology and Evolution, 6, 5506–5516.
Lang, M., Kollmann, J., Prestele, J., Wiesinger, K. & Albrecht, H. (2018) Reintroduction of rare arable plants on organic farms: Seed production, seed dispersal and soil seed bank three years after sowing. Restoration Ecology, 26, S170–S178.
Tscharntke, T., Klein, A.M., Kruess, A., Steffan-Dewenter, I. & Thies, C. (2005) Landscape perspectives on agricultural intensification and biodiversity – ecosystem service management. Ecology Letters, 8, 857–874.
Bildbeschreibung: Alina Twerski weist den Mähdrescher ein. Sie ist Bearbeiterin des von der Stiftung geförderten Projekts und Doktorandin am Lehrstuhl für Renaturierungsökologie, Prof. Dr. Johannes Kollmann, TUM. Interessiert oben auf dem Gerät dabei ist Lina Pitsch, Tochter von Stiftungsratsmitglied Dr. Manfred Pitsch.